Wenn ein Kompromiss Zuhause wird

Job, Hochzeit, Haus und dann die Kinder: So stellt man sich die Reihenfolge vor, oder? Doch nur wenige können sich ein Eigenheim, das ihren Vorstellungen entspricht, leisten. Andere wollen es sich nicht um jeden Preis leisten. So zum Beispiel Marlena. Ursprünglich war ihre Mietwohnung eine schnelle Notlösung. Mittlerweile sind die 80 qm ein Zuhause für ihre Familie geworden. Wie es dazu kam, erfährst Du in diesen ehrlichen Zeilen von Marlena. Enjoy!


*Ein Gastbeitrag von Marlena Garnich

Letztens ist mir auf Instagram ein Meme untergekommen. Es ging ums Wohnen. Dort stand: 
Mit 18: „Ich möchte in der Großstadt wohnen.“ 
Mit 25: „Bisschen abgelegen von der Hauptstraße wäre nett.“ 
Und JETZT: „Hütte im Wald mit Glasfaseranschluss.“

Erst musste ich darüber lachen, hatte ich mich doch die letzten Monate intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Gemeinsam mit meinem Mann haben wir so einige Weinabende auf der Couch verbracht, philosophiert, wie unser Leben aussehen soll, was wir uns vorstellen können und was nicht (Sanieren zum Beispiel, da bei uns keine handwerklichen Skills vorhanden sind). Wir haben auch das Internet nach möglichen Wohnobjekten durchstöbert. Ich bin jetzt 29 Jahre alt. Und würde – wenn man es ganz grob zusammenfasst  – gern etwas abgelegen der Hauptstraße wohnen. Bäm. Voll das Klischee erfüllt. Eine Hütte im Wald? Kann ich mir niemals vorstellen. Aber täusche ich mich vielleicht? Kommt dieses JETZT, wovon im Meme geredet wird, vielleicht auch noch bei mir? Die Person, die es auf Instagram nickend in der Story geteilt hat, war so Mitte 30. Also noch sechs Jahre bis zum Wunsch nach einer Hütte.

Ein Zuhause kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit

Und genau das trifft den Kern meines Problems: Ich soll jetzt eine Entscheidung für die nächsten X Jahre treffen. Einen Kredit aufnehmen, der bis zur Rente abzubezahlen ist; mir einen Wohnort aussuchen, an dem meine Kinder groß werden, Freundschaften aufbauen, verwurzelt sind, wo man sie auf keinen Fall rausreißen kann – oder will. Sie brauchen Sicherheit und Stabilität. Und das ist ja auch schön und gut. Aber ich weiß bis dato einfach immer noch nicht, wie ich mich entscheiden soll. Weder den Ort noch die Art. Miet- oder Eigentumswohnung? Oder doch ein Haus? 

In unserer Generation ist alles schnelllebig, alles verändert sich ständig, heute hier und morgen da. Alles ist möglich. So wird es uns suggeriert.

Und dann sitzt man bei der Bank und schließt einen Kreditvertrag über 30 Jahre ab. Für ein Haus, das gar nicht dem entspricht, was man sich eigentlich vorstellt. What?

Zwei Dinge musste ich schmerzlich feststellen:

  1. Man kann sich nicht mehr aussuchen, wo man wohnen möchte. 
    Die Städte sind wahnsinnig überteuert, die Grundstücke sowieso und wenn man sich für ein eigenes Haus entscheidet, muss man entweder sehr abgelegen bauen oder ein altes Haus sanieren. Am besten in sehr viel Eigenleistung, denn Handwerker:innen und Rohstoffe sind schwer zu kriegen.
  2. Es geht nicht nur darum, dass man sich die Finanzierung oder die Miete leisten kann. 
    Man muss alle Kosten miteinberechnen. Eine größere Wohnung oder ein Haus bedeutet auch, dass man mehr arbeiten muss, die Kinder länger in Betreuung gibt, die Wochenenden mit Gartenarbeit verbringt und an anderer Stelle auf materielle Wünsche, ausgefallene Urlaube und vor allem auf Familienzeit verzichten muss. Man kann alles haben? Das ist eine Lüge! Sie wird uns immer wieder, ja sogar täglich auf Instagram oder Facebook, aufgetischt. Jeder muss sich entscheiden und sich die Frage stellen: Was ist mir am wichtigsten und was kostet es mich?

Macht uns ein Eigenheim wirklich glücklicher?

Mit der Frage nach dem Wohnen bin ich nicht allein. In meinem Umfeld stellen sich aktuell sehr viele Freund:innen diese Frage. Vielleicht ist es sogar DAS zentrale Thema, wenn man auf die 30 zu geht. Manche haben sich schon entschieden, viele sind noch auf der Suche und andere können sich sowieso nichts Größeres leisten. Ich beobachte sehr viel.

Ich frage mich, wer die richtige Entscheidung getroffen hat und was ich davon für mein Leben ableiten kann. Wer ist wirklich glücklich?

Und macht uns mehr Platz überhaupt zufriedener? Oder ist das nur eine Wunschvorstellung, die uns in der Realität die Zeit und Kraft für die schönen Dinge raubt?

Was für mich am höchsten wiegt, ist die Familienzeit. Und ich weiß, dass ich mit einem Haus und einer Finanzierung im Nacken nicht so entspannt sein könnte. Dass ich nicht belastbar genug dafür wäre. Und dass wir – und das muss ich mir leider auch eingestehen – ein paar Jahre zu spät dran sind mit unseren Hausüberlegungen. Zum einen, weil wir jetzt zwei kleine Kinder haben, für die wir gern Zeit haben möchten und zum anderen, weil es schlicht und ergreifend nicht mehr bezahlbar ist. Wir haben Freunde, die vor circa fünf Jahren gebaut haben. Und sie sind glücklich. Und haben Zeit füreinander. Sie haben die richtigen Prioritäten gesetzt und den vielleicht letztmöglichen Zeitraum erwischt, wo der Bau und das Grundstück noch bezahlbar waren. Heute würde ich dazu ohne mit der Wimper zu zucken Ja sagen. Aber damals hatten wir noch überhaupt keinen Gedanken an ein Haus verschwendet. 

Zu viert auf 80 qm: unperfekt perfekt

Nein, wir haben lieber kurz nach unserer Hochzeit unsere Jobs und unsere Leipziger Wohnung gekündigt, haben alles verkauft und sind für 15 Monate nach Australien gegangen. Diese Zeit hat uns als Paar sehr geprägt und war rückwirkend eine gute Entscheidung.

Zurück kamen wir mit einem kleinen Babymädchen im Bauch und zogen, nachdem wir drei Monate bei meinen Schwiegereltern gewohnt hatten, erst mal in eine Wohnung 10 Minuten zu Fuß von ihnen entfernt. Weil wir uns nicht wirklich was anderes leisten konnten und das Zeitfenster bis zur Geburt auch nicht mehr so groß war, dass wir noch hätten lange suchen wollen.

Von Leipzig nach Australien in eine Kleinstadt bei Leipzig mit 16.000 Einwohnern. Dort wohnen wir nun seit fast vier Jahren. Nun sogar zu viert. Denn vor 11 Monaten kam unser zweites kleines Mädchen zur Welt.
Wir bewohnen circa 80 qm, ein Kinderzimmer mit 9 qm – miniklein ist es, wenn ich es mit all den riesen Kinderzimmern auf Instagram vergleiche, wo auf jeden Fall ein Picler Dreieck und ein Wobbel Board Platz finden. Unser Schlafzimmer ist tagsüber das Büro, indem mein Mann im Homeoffice arbeitet. Dazu noch ein kleiner Balkon und ein gepflasterter, verkehrsgeschützer Hof. Hier kann man toll Bobbycar fahren, aber leider keinen Sandkasten oder ein Trampolin, geschweige denn ein Hochbeet aufstellen. Und manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir genau das wünsche. Einen kleinen Garten, mehr Platz, einfach rausgehen zu können, ohne jedes Mal gefühlt die halbe Wohnung einpacken zu müssen. 

Den Fokus auf das richten, was wir brauchen

Wir haben uns natürlich nach anderen Möglichkeiten umgesehen und 4-Raum-Wohnungen gesucht – in Leipzig und Umgebung, Baugrundstücke besichtigt, Häuser zum Kauf angesehen und uns sogar darauf beworben. Auch in meiner alten Heimat in Bayern haben wir es versucht. Ohne Erfolg. Zeitweilen war ich einfach nur unzufrieden. Mit unserer Wohnung, der Kleinstadt, den Menschen hier. Es fühlte sich so aussichtslos an. Das war nicht meine Wahlheimat. Das war nur ein blöder Kompromiss. Und es war wirklich schwer, Anschluss zu finden. Corona hat es uns nicht einfach gemacht. Die Pandemie hat mich aber auch dazu gezwungen, an diesem Ort zu sein. Ich konnte nicht mehr jeden Tag nach Leipzig flüchten, um Freundinnen zu treffen. Ich musste mich hier einbringen. Ich musste mich anfreunden. Loslassen. Annehmen. Ankommen. 

Und so kamen wir irgendwann zu diesem völlig verrückten Ergebnis: 

Da wo wir gerade sind, ist es gut. Es ist nicht unser Wunschort oder unsere Wunschimmobilie. Aber es ist genau das, was wir aktuell brauchen.

Wir haben zwar keinen Garten, kein Fischgrätenparket, kein eigenes Büro oder die Berge vor der Haustür. Dafür haben wir genug Zeit, um jeden Tag als Familie zusammen zu essen, am Wochenende mit dem Fahrrad zum See zu fahren oder unserem Sport nachzugehen. Ich darf meine Kinder länger als ein Jahr zu Hause lassen. Die Große kann ich als Mittagskind abholen. 

Wir haben Zeit. Füreinander und für uns selbst. Die Wohnlage ist perfekt, um alltägliche Erledigungen zu Fuß oder mit dem Rad zu machen – unser Auto nutzen wir fast nie. Wenn es uns doch mal in die Stadt zieht, sind wir in einer halben Stunde mit der Bahn in Leipzig. Außerdem lieben wir unsere Kita, die zur Kirchgemeinde gehört. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich rausgefunden habe, dass es in unserer Kleinstadt sehr viele junge Leute in der Landeskirche gibt und viel unternommen sowie angeboten wird. Mittlerweile hat hier nicht nur meine große Tochter Freund:innen, sondern auch wir. 
Je mehr ich darüber nachdenke und in mich hineinhöre, desto deutlicher höre ich Gottes Stimme flüstern: Das ist der Ort, der eurer Familie gut tut.

Wie unser Leben in ein paar Jahren aussieht, weiß ich nicht. Vielleicht ziehen wir in eine Hütte im Wald. Und wenn es so weit ist, gibt es dort sicherlich schon einen Glasfaseranschluss.

Autorin: Marlena Garnich

👉 PS. Marlena hat übrigens einen wunderschönen Papeterieshop: @littleblessings_papeterie


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