Schwedenhaus-Renovierung Teil 1: Baustelle an Haus und Seele 

Ich habe neulich mein Handy aufs Autodach gelegt. Losgefahren. Und zack, weg war es. Diese Handy war das einzige Gerät, auf dem alle Baby- und Kinderbilder sowie Videos der letzten drei Jahre gespeichert waren. Nach einer langen Schockstarre versuche ich nun, die Kindheit meiner Kinder zurückzuholen und sammle Fotos von den Handys meiner Freunde und Familie. Das bedeutet auch, dass ich nun nur noch ein bis zwei Bilder von einem Ereignis besitze – wenn überhaupt.

Manchmal ärgert mich das. Aber im Grunde genommen fühlt sich dieser ungewollte Bildminimalismus auch ein bisschen vorteilhaft an: Denn die wenigen Fotos, die ich zusammenkratzen kann, wandern direkt in das Fotoalbum, das ich seit Monaten vor mir herschiebe (hands up, wer dieses To Do auch auf jede neue Aufgabenliste schreibt und nie abhakt😃).

Was ich eigentlich sagen wollte: Im Zuge meiner Bildersammelaktion habe ich mir auch das Handy von meinem Göttergatten geschnappt. Im ersten Moment musste ich über die Momentaufnahmen lachen, die er aus seiner Perspektive von der Babyzeit festgehalten hatte. Der Winkel, die Beleuchtung, der Bildausschnitt: alles immer ziemlich unvorteilhaft. Auf keinem einzigen Foto sind die Kiddos von ihrer Schokoladenseite abgelichtet. Eher das Gegenteil. Und von mir will ich gar nicht erst anfangen. In den meisten Fällen sehe ich einfach nur komisch aus. Bei den meisten Fotos musste ich lachen.

Es gab aber auch welche, bei denen mir das Lachen im Hals stecken blieb. Fotos, die ich auf meinem eigenen Handy bereits gelöscht hatte, weil sie mich viel zu traurig machen.

Noch immer am Anfang

Auf einem dieser Bilder hänge ich auf dem Sofa. Meine Körperspannung ist kaum vorhanden, die Körpermitte existiert quasi nicht. Ich bin blass um die Nase und habe rekordverdächtige Augenringe. Das war in den Monaten nach der Geburt meines zweiten Sohnes. Erst war Mini O im Krankenhaus. Dann ich. Und dann nochmal ich. Danach bin ich lange Zeit nicht so richtig wieder auf die Beine gekommen; habe abgestillt, mich kaum bewegt, nur wenig gegessen und viel an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt. Auf dem Foto sehe ich nicht nur eine Wochenbetterschöpfung, sondern auch sehr viel Enttäuschung.

Ich hatte letztes Jahr im Artikel „Am Anfang der Heilung“ bereits über diese Zeit geschrieben, über die OP-Wunden, die Wunden der Seele, die unter der Haut zutage gekommen sind. Zu Recht fragen mich seit diesem Artikel immer wieder Menschen, wie es mit meiner Heilungsreise weitergegangen ist. Ja, wie ist es weitergegangen? Mit Blick auf das Handy meines Mannes denke ich: Ich bin noch immer dort, am Anfang der Heilungsreise. Ich sehe den Schmerz in meinen Augen auf den Bildern und es tut nach wie vor weh, das zu sehen. Es ärgert mich, dass der Schmerz noch so tief sitzt.

Doch als ich neulich auf der Leiter in unserem Schwedenzuhause stand, hatte ich einen Gedanken, der mir hilft, dieses „noch-immer-am-Anfang-der Heilung-stehen“ nicht ganz so schlimm zu finden wie bisher. Ein Gedanke, der aus dem „nur“ am Anfang sein, ein „endlich am richtigen Anfang“ macht. 

Das Wohnzimmer wird entkernt 

Auf der Leiter stand ich im Juni ziemlich oft. Während Ehemann T und mein Papa auf dem Dach die Solarmodule befestigt haben (LEUTE WIR HABEN STROM, LUUUUXUS!), hat meine Mama auf dem neuen Gasherd den Reis vom Vortag angebraten und ich stand auf der Leiter im Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist der erste Raum in unserem Schwedenhaus, den man nach dem Eingangsbereich betritt. Ich liebe diesen Raum. In ihm steht einer von insgesamt drei Holzöfen des Hauses. Ich möchte hier im kommenden Winter sehr viel Zeit mit meinen Büchern verbringen, deshalb ist das Wohnzimmer zu meiner Renovierungspriorität im Sommer geworden – obwohl wahrscheinlich so viel anderes wichtiger wäre. Eigentlich gab es auch nur eine Sache, die ich ändern wollte: Die Wände waren blau und blau ist dummerweise überhaupt nicht meine Wohlfühlfarbe. Auch mit dem Tapetenmuster bin ich nicht warm geworden. Deshalb habe ich folgenden überschaubaren Wochenplan ausgetüftelt: Tapete runterreißen, neu tapezieren und streichen. Fertig. Zack. Der Winter kann kommen.

Der Plan ist natürlich nicht aufgegangen. Denn ich hatte keine Ahnung, wie sehr die Entdeckung der ursprünglichen Geschichte des Raumes, die Gestaltungsvision komplett verändern würde. Genau das ist passiert, als ich die drei Schichten Tapete und eine weitere Schicht Pappe mit Zeitungspapier von der Wand gerissen habe und auf einmal vor wunderschönen Holzbalken stand, unserer Außenwand. So richtig schöne Balken. Solche, die man nicht verstecken sollte.
In den Tagen darauf war ich nur noch im Doppelpack mit der Schleifmaschine anzutreffen😉. Dabei habe ich immer wieder fast schon ehrfurchtsvoll die Decke und Wände bestaunt.

Ein Schwedenhaus heilt keine Wunden 

Die Entdeckung der Holzbalken hat mir vor Augen geführt, wie sehr es sich lohnt, die Geschichte eines Raumes freizulegen, anstatt einfach schnell eine neue Schicht obendrauf zu klatschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch nie zuvor Holz so liebevoll angestarrt habe wie in diesen Tagen auf der Leiter. Und ich sehe eine Parallele zwischen Hausrenovierung und Seelenrenovierung. Ist es bei Renovierungsarbeiten an der Seele nicht genauso wichtig, erstmal alle Schichten abzutragen, um an den Kern ranzukommen? Hängt seelische Gesundheit nicht auch damit zusammen, den Blick tief ins Innere zu wagen, anstatt belastende Erfahrungen, Missbrauch, Verlust, Trauer, verletztende Worte oder anderes Leid bloß oberflächlich zuzukleistern?

Ich habe letztes Jahr von meiner Sehnsucht nach Heilung geschrieben. Mein Wunsch war es, dass der Schmerz „weggehen soll“ – wohin auch immer. Ich habe Heilung gesagt, aber Verschwinden gemeint.

Heilung heißt jedoch nicht Verschwinden oder Verdrängen. Heilung bedeutet Versöhnen und Verzeihen. Und das funktioniert nicht einfach mit einem Eimer Farbe.

Ich bin weit davon entfernt, mit allen Teilen meiner Geschichte versöhnt zu sein. Wer ist das schon? Aber ich bin bereit, die einzelnen Schichten meiner Geschichte freizulegen, liebevoll, behutsam und mit Zeit. Ohne Scham und ohne dem Drang nachzugeben, schwere Erfahrungen einfach löschen zu wollen. Dafür aber mit einem ehrlichen Blick, der Frieden finden möchte und dem Mut, den Kern der Geschichte zu entdecken.
Ja, ich stehe nach wie vor am Anfang meiner Heilungsreise. Aber es fühlt sich so an, als würde ich endlich am „richtigen“ Anfang stehen. An dem Anfang, der nicht auf Verdrängung abzielt, sondern auf Versöhnung. Dieser Gedanke ist für mich heute mehr als genug. Gut genug. Alles Weitere wird kommen, spätestens dann im himmlischen und ewigen Bullerbü.

🦌PS. Es hat zwar keiner danach gefragt, aber ihr erfahrt es trotzdem: Leute, ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Elch gesehen. Nachdem ich über sechs Monate Lebenszeit in den unterschiedlichsten Teilen Schwedens verbracht habe und dabei beständig auf Elchsuche war, ist mir der große Kerl einfach ganz lässig im Wald begegnet. Kurz vor unserer Einfahrt zum Haus. Mit anderen Worten: wir haben einen neuen Kollegen in der Nachbarschaft, jeiiii:)

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