

Vor einem Jahr um diese Jahreszeit war ich auf dem Fahrrad irgendwo in Blekinge, Schweden unterwegs. In die Pedale treten, um den Kopf frei zu bekommen: Das funktioniert bei mir fast immer. In der Regel strample ich einfach in eine Himmelsrichtung, hin und wieder schaue ich auf Maps, um mich zu vergewissern, dass ich nicht komplett Banane unterwegs bin. Aber meistens lasse ich mich einfach von einem schönen Häuschen zum Nächsten treiben, hole mir dabei Inspirationen für mögliche Gartenprojekte oder male mir im Kopf das Leben der Hausbewohner aus. Und meistens lerne ich durch diese Beobachtungen am allermeisten für die nächsten anstehenden Schwedenhaus-Renovierungen. So auch bei einem großen To-Do auf dem 5-Jahres-Plan: „Mist, wir müssen dringend unsere Fassade streichen“.


Der Aha-Moment kam als ich an einem wunderschönen Bauernhof vorbeifuhr. Eine Dame war gerade dabei, auf eine Leiter zu steigen, die an der Hauswand gelehnt war. Sie hielt einen Pinsel in der Hand. Ein roter Farbeimer hing an der Leiter. Auf der Fensterbank stand ein Radio, aus dem ein für mich nicht verständliches Brummen und Summen zu hören war. Kurz nach ihrem Haus endete der Weg, sodass ich wenige Sekunden später erneut an ihr vorbeifuhr. Wir warfen uns ein flüchtiges Lächeln zu, ihr Blick ging daraufhin wieder zur Holzwand, der sie gerade einen neuen Anstrich verpasste. Mit Pinsel und Leiter. Und danach wusste ich: Genauso werde ich es auch tun! Genauso werde ich das Problem „You need a new Wetterschutz“, das mir der Hausversicherungsherr gesteckt hatte, lösen. Genauso heißt: MIT PINSEL UND LEITER. Fertig. Jawoll! Gerüst und Malerfirma? Pfff! Ich weiß, dass nicht alle Schweden ihre Häuser so streichen. Aber ich habe mich dennoch sehr schwedisch gefühlt, als ich diesen Sommer auf der Leiter stand und meine Haare nach und nach mit roten und weißen Farbklecksen übersät wurden.




Ein Haus mit dem Pinsel streichen
Genau genommen stand ich nicht alleine da und habe Farbspritzer auf meiner Kleidung verteilt. Schätzungsweise stand ich sogar von allen Beteiligten am wenigsten auf der Leiter. Mit mir waren es 11 Personen, die eine Woche lang um das Schwedenhaus wuselten, ausgerüstet mit 6 roten und 2 weißen Farbeimern. „Wir“, das war ein wilder Mix aus unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Lebensphasen. Wir kannten uns untereinander ein bisschen, sehr gut oder überhaupt nicht. Eine Woche lang haben wir altes Holz abgeschliffen, die Wände von Spinnweben befreit, unzählige Pinsel genutzt, sind über Dächer geklettert, standen dabei im strömenden Regen und in der ersten Sommerhitze, wir haben streng die Fikazeiten eingehalten, ausreichend pausiert, früh genug Feierabend gemacht und abends beim „Stadt-Land-Fluss“ die Kategorie „Schweden“ etabliert. Und am Ende der Woche hatten wir es geschafft. Ohne geschafft zu sein. Weil wir es gemeinsam gemacht hatten.




Weiß auf rot
Wenn ich mir jetzt die Außenfassade des Holzhauses anschaue, die frisch gestrichenen Balken bewusst wahrnehme, dann strahle ich. Ich strahle, weil die Hauswand mich anstrahlt. Sie glänzt aus allen Ecken und Enden. Wirklich. Sogar die letzte grün verwitterte Seite sieht so aus als wäre sie neugeboren. Das ist so wunderschön! Und ich strahle auch, weil mich das frische Weiß und das knallige Rot daran erinnern, dass es Menschen gibt, die sich für etwas einsetzen, das ihnen selbst überhaupt gar keinen Profit gibt. Die ihre Zeit in das Schwedenrot einer Freundin oder sogar Unbekannten investieren. Diese Erfahrung macht mich demütig und ich erkenne immer mehr, dass ich die großen und wundersamen Dinge in meinem Leben immer nur durch und mit anderen Menschen geschafft habe. All die großen Sprünge und Ereignisse, die Geburten meiner Kinder, der Vanausbau, die Auslandsjahre, die Umzüge und Bildungsabschlüsse… das ist nur passiert, weil ich es gemeinsam mit anderen gemacht habe. Dieses „gemeinsam schaffen“ genieße ich so sehr.
Viel mehr noch: Ich halte mich an solchen Erfahrungen fest, als wären sie ein Rettungsanker in einer sich immer stärker spaltenden Gesellschaft.
Das Schwedenhaus mit seinem neuem Anstrich zeigt mir weiß auf rot, wie sehr wir einander brauchen. Und wie gut es tut, einander zu brauchen.




Erinnerungsfarben
Das war also der Beginn von meinem Schwedenhaus-Sommer. Die Luft ist seit Middsommer endlich aufgewärmt, die Stechmücken haben ihren Weg auf die Waldlichtung gefunden, die Abende werden einfach nicht dunkel, das Wasser wird von Tag zu Tag wärmer. Es ist Sommer in Schweden. Dieser Sommer hat neue knallige Farben mit sich gebracht, die ich noch bis in den späten Sommer bestaunen möchte und die mich auch noch nach zehn weiteren Sommern an die „Leiterwoche“ erinnern werden. Das sind am Ende die Erinnerungsfarben, die bleiben: Farben, die aus einem Miteinander und einem Füreinander entstanden sind. Es sind die Farben, die ich sammle. Nicht nur für den Winter, wie Frederick. Sondern schon für jetzt. Für diese Sonnenstunden, die gerade so oft durch die dunklen Wolken des Weltgeschehens unterbrochen werden.
Noch mehr von meinen schwedischen Lieblingsfarben? There you go:




















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