Oder: Wie es sich anfühlt, die Frau eines Politikers zu sein.


Als junges Mädchen wollte ich die Ehefrau eines Pfarrers werden. Politikerfrau zu sein, stand nicht auf meiner Löffelliste. Im Leben passieren viele Dinge, die nicht auf Listen stehen. Heute bin ich also die Ehefrau eines Politikers, nicht die eines Pfarrers. Und ich bin damit vermutlich genauso glücklich und herausgefordert zugleich, wie ich es auch mit einem Seelsorger an meiner Seite wäre.
Neulich habe ich gelesen, dass politische Berufe zu den unbeliebtesten in Deutschland zählen. Das liefert eine Teilerklärung, warum ich mich bisher zurückgehalten habe, etwas über das Leben in und mit der Politik zu schreiben. Heute breche ich für einen kurzen Atemzug das Schweigen und gebe einen Einblick in die Realität am Spielfeldrand des politischen Geschehens. Lies gern weiter, wenn dich die Perspektive einer Politikerfrau auf den hinter uns liegenden Landtagswahlkampf-Winter interessiert.
*Die Bilder in diesem Beitrag stehen nicht im Zusammenhang mit dem Thema. Vielleicht entdeckst du darin eine zweite Bedeutungsebene. Vielleicht auch nicht. Beides ist in Ordnung.
Wirklichkeit eines Wahlkampfes


Früher, einige Jahre nachdem ich noch davon ausgegangen war, einmal einen Theologen zu heiraten, dachte ich, ein Wahlkampf besteht aus den letzten Wochen vor der Wahl. Aus den Tagen, in denen einen plötzlich von allen Bäumen und Litfaßsäulen Gesichter anstarren. Manche freundlich, manche verbissen. Damals habe ich mich nie gefragt, wie es dazu kommt, dass genau diese Persönlichkeiten dort in Übergröße hängen. Ich wusste nicht, was in den Monaten und Jahren vor der sichtbaren Plakatphase in den politischen Reihen geschieht. Ich wusste nicht einmal, wer die Plakate aufhängt oder die Kosten dafür trägt. Ich hatte auch keine Vorstellung davon, was mit einer gewählten Politikerin oder einem gewählten Politiker nach der Wahl eigentlich genau passiert. Wie auch?
Seit dem letzten Winterwahlkampf weiß ich, dass ich mit meinen Fragen damals nie allein war. Dass wir alle diese unzähligen Fragezeichen im Kopf haben, wenn es um Politik geht. Und dass diese Fragezeichen schon weit vor Inhaltlichem existieren. Nämlich dann, wenn es um die ganz praktischen Fragen geht.


Zum Beispiel: Ist ein Landtagsmandat ein Ehrenamt oder ein Vollzeitjob? Beinhaltet das einen Umzug in die Landeshauptstadt? Was passiert mit dem alten Job? Wie viel Zeit verbringt die Person im Wahlkreis? Wie viel im Parlament? Wie wird sie bezahlt? Womit genau ist der Kalender eines Politikers eigentlich gefüllt? Was bedeutet ein Wahlsieg konkret für die gewählte Person und deren Familie?




Vereinbarkeit von Familie und Politik
Ich liebe es, dass es in meinem Umfeld so viele Menschen gibt, die interessiert nachfragen und unsere Situation als Familie verstehen möchten. Gleichzeitig stolpere ich regelmäßig über die Frage, die sich um die Vereinbarkeit von Familie und Politik dreht. Wie es mir mit dem Beruf meines Mannes geht? Darauf gibt es keine schnelle Antwort. Keine, die sich hier kurz erklären ließe. Die Antwort ist so facettenreich, wie der Wasserfarbkasten meiner Kinder. Sie beinhaltet Hoffnung und Zuversicht genauso wie Druck und Unsicherheit. Sie bewegt sich zwischen Sinn und Suche. Ist mal mehr auf der einen, mal mehr auf der anderen Seite.
Wenn die Stimmen von ganz rechts oder ganz links laut werden, ist es plexiglasklar und entsprechend leicht, für unseren Weg einzustehen. Es gibt aber auch die Tage, an denen es mir sehr schwer fällt, wenn Menschen mir voreingenommen begegnen. Oder mir die sieben-Tage-Arbeitswoche den Saft nimmt. Es ist immer beides. Und manchmal auch etwas dazwischen.


Es wird häufig suggeriert, dass sinnstiftendes Handeln erfüllend ist. Ja, das ist so! Aber zuallererst ist es in der Regel anstrengend. Das bewerte ich nicht pauschal negativ. Aus meiner Sicht darf das Leben anstrengend sein. Ich lebe nicht mit dem Ziel, es leicht zu haben. Ich möchte Tiefe, Wirkung, Berufung, Schönheit, Verantwortung und Veränderung erfahren. Und ich gehe mit der Gewissheit durch das Leben, dass ich nicht alles allein tragen muss; dass ich im Alleinsein nicht allein bin; dass mich mein Schöpfer hält. Ich vermute, dass diese Gewissheit eine meiner wichtigsten Ressourcen im Umgang mit den herausfordernden Konsequenzen einer Entscheidung ist.


Es gäbe so viele schöne Winterwahlkampf-Geschichten zu erzählen. Wundersame Gebetserhörungen, von Versorgung bis Vertrauen. Oder meine Fettnäpfchen, durch die ich regelmäßig stolpere und mich rückblickend herrlich zum Schmunzeln bringen können. Es gäbe aber auch vieles, was ich am liebsten empört in die Welt schreien würde. Weil ich wütend bin! Am Spielfeldrand der Politik zu stehen ist verdammt spannend. Die Erzählungen darüber gehören für mich aber zu neunundneunzig Prozent (noch) in einen geschützten Raum, in dem es Brezeln mit Butter gibt. Alternativ ein Glas Wein.
Deshalb: Atemzug Ende.
Wir hören uns also bald wieder zu den gewohnten Themen, die weniger mit Politik, aber genauso viel mit diesem wunderbaren Leben zu tun haben.


PS Das Landtagsmandat ist kein Ehrenamt.
PPS Der Wahlkampf lief bei uns eineinhalb Jahre, also ein bisschen mehr als die letzten Plakat-Wochen ;-).
PPPS Wenn du Fragezeichen im Kopf hast, die sich auf die oben beschriebenen „praktischen Fragen“ beziehen, schreib mir gerne. Ich versuche mich an Antworten.
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