
Unsere dritte Elternzeitreise. Es war zum Heulen schön. Echt jetzt. Der rote T4 Bernie. Klein P. Mini O. Ehemann T und ich: Die erste Elternzeitreise mit zwei statt nur einem Kind. Und einem VW-Bus anstelle eines Vans. Wir landeten mal wieder in Schweden. Wie so viele andere in diesem Sommer auch. Und das aus gutem Grund!
Hier erfährst du, warum Schweden viel für dich zu bieten hat, obwohl es dir nur wenig geben kann.
Eisbaden im August
Immer zur selben Uhrzeit, am Mittag gegen 11:45 Uhr, wenn sich meine beiden Jungs ihren Mittagsschlaf gönnen, steige ich auf mein Fahrrad und radle die schmale Dorfstraße hinunter zum See. Dort angekommen schlüpfe ich aus meiner Jeans und dem dicken Wollpullover, nehme mein Handtuch in die Hand, laufe über den Steg bis zur Leiter und lasse mich sanft ins kalte Wasser gleiten. Es kostet mich Überwindung, loszuschwimmen und nicht direkt wieder aus dem Wasser zu steigen. Doch mit jeder Schwimmbewegung mehr entspannen sich meine Muskeln.
Das hier ist einer meiner schönsten Momente an einem typischen Schwedentag: Meine zehn Minuten im See. Nur ich. Allein im Wasser. Der Blick in die Weite. Kein Mensch, kein Haus, kein Autolärm. Zehn Minuten Schweden at its best. Ich atme tief ein und wieder aus, tauche unter und als mein Kopf wieder über der Wasseroberfläche erscheint, kommt ein leises „Danke“ über meine Lippen. Danke, Schweden. Danke, dass ich wieder hier sein darf. Endlich wieder zurück an meinem Sehnsuchtsort. An dem Ort, wo sich das Schwimmen im August wie Eisbaden anfühlt.

Unsere VW-Bus Packliste
Aber von vorne: Unsere diesjährige fünfwöchige Elternzeitreise führte uns durch Deutschland, Dänemark und vor allem Schweden. Dabei haben wir als vierköpfige Familie in sehr unterschiedlichen Settings geschlafen: auf der Rückbank von Bernie, unserem neuen Abenteuergefährten, freistehend am See oder on the way auf der Raststätte, im Zelt auf dem Campingplatz und auch in drei unterschiedlichen roten Schwedenhäusern. Diese wilde Kombination an Schlafsituation hat dazu geführt, dass Bernie bis oben hin mit Reiseequipment gefüllt war. Mit dabei waren Isomatten und Schlafsäcke, ein Reisebett für Mini O, ein 4-Personen-Zelt, der Gasherd mit zwei Kochflächen, Campinggeschirr, ein Wasserkanister, drei Schwimmwesten, ein Kajak und ein SUP, das Laufrad von Klein P, mein E-Bike, das Rad von Ehemann T, der Fahrradanhänger, vier Helme, Breigläschen für einen Monat, ein Ikea-Hochstuhl, Saunatücher, ein Koffer voller Angelausrüstung, noch ein Koffer voller Werkzeug (weil, wegen altes Autos), vier Reisetaschen gefüllt mit Kleidung, ein Töpfchen und nicht zu vergessen die unzähligen Windelpackungen für unsere zwei Windelscheißer.

Bernie 🚌 war definitiv schwer beladen. Entsprechend aufwändig war der Prozess abends, um die Rückbank im Bus zum Familienbett umzubauen: Erstmal alles raus (inklusive der schlafenden Kinder in ihren Kindersitzen), Rückbank umklappen, Isomatten und Schlafsäcke ausrollen und Vorhänge an die Fenster anbringen. Alles, was dann nicht mehr hinten reingepasst hat, musste auf der vorderen Sitzbank gestapelt werden.
Ich verstehe jeden, der abends an Bernie vorbeigelaufen ist und dachte, wir hätten unser Leben nicht im Griff. Das Chaos war real. Aber das Chaos hatte System. Und wir beherrschten es.
Campen mit einem Baby und einem Kleinkind im VW-Bus ist eng und ziemlich viel rumgeräume. Aber es fühlte sich durchgehend wunderbar freiheitlich an und war sehr viel von einer „oh woooow, wie sehr haben wir das vermisst“-Euphorie geprägt.
Vom roten Bus zum roten Haus
Den größeren Teil der Reise verbrachten wir in Ferienhäusern. Den Wechsel von Bus auf Haus hatten wir im Vorhinein bewusst so geplant, um mehr zur Ruhe kommen zu können als uns das on the Road möglich ist. Denn mein Herz sehnte sich nicht nur nach Campingluft, sondern – in einem Jahr voller Veränderung – nach einer Möglichkeit, die Zeit kurz anhalten zu können und anzukommen. Vanlife ist eben immer auch geprägt von weiterkommen, ganz automatisch irgendwie.
& tatsächlich ging unsere Hoffnung auf. Die Schwedenhäuser bewirkten etwas unglaublich Entschleunigendes bei uns als Familie. Und zu meiner Überraschung durfte ich sogar feststellen, dass die Schwedenhausidylle ganz schön nah an das Campinggefühl rankommt – zumindest dann, wenn das rote Haus allein am See steht und keine Menschen zu sehen oder hören sind. Genau diese Perfektion durften wir in unserem dritten Schwedenhaus erleben – ein Ort, der mir für immer sehr besonders in Erinnerung bleiben wird.




Ich hab den Himmel auf Erden gefunden
Zu dem gemieteten Grundstück der besagten Unterkunft gehörte neben dem See, der quasi uns allein gehörte, eine wunderschöne Halbinsel mit Badestrand, eine Sauna direkt am See, ein Ruderboot, ein Plumpsklo und ein Holzschuppen. Neben dem Haupthaus stand ein kleines Gästehaus, in dem uns für eine Woche meine Freundin besuchen kam (eine der wohl besten Entscheidungen dieser Reise!).
Dieser Ort war für mich der Himmel auf Erden. Oder anders gesagt: Wenn so der Himmel wird, dann habe ich keine Angst davor, für ewig dort zu bleiben. Kinder mit blauen Heidelbeerfingern, bunte Blumenwiesen, Schafe am Wegrand und der Geruch von Kiefernwald. Lange Kanufahrten, Hotdogs vom Grill, zwischen den Saunaaufgüssen in den kühlen See springen und abends ein Glas Gin Tonic. Perfekt. Das alles war heeeeeeerrrrlich. Aber das sind nicht die Gründe, warum der Ort mein persönliches Paradies auf Erden ist.
Was den Ort wirklich himmlisch machte, hatte nichts mit dem zu tun, was dort vorhanden war, sondern mit dem, was nicht da war.
Was ich damit meine? An diesem Fleck Erde gab es kaum Abwechslung oder Veränderung – unser Tagesablauf blieb immer gleich und die Umgebung sowieso. Wasser und Bäume eben. Durch diese Konstanten entflammte in mir die Freude an der Beständigkeit, die ich unglaublich lange nicht mehr gespürt hatte. Mir fiel auch auf, dass ich dort keiner Überreizung ausgesetzt war, von der mein Alltag sonst sehr geprägt ist. Kein Smartphone, kein Fernsehen, keine News, keine Sprachnachrichten, kein Onlineshopping, keine Werbung rechts und links – und damit auch kein Multitasking. Ein Träumchen für meine Konzentrationsfähigkeit.
Ein weiteres Beispiel? Es gab an diesem Ort auch keine Siebträgermaschine und kein Café, das mich mit ihrer Latte Art überzeugen konnte. Dafür lernte ich die Einfachheit eines Filterkaffees zu genießen, ohne Herzchenschaum und perfekt gemahlener Bohne. Und was wohl das Wichtigste war: An diesem Ort gab es keine Nachbarn. Es gab keine anderen Menschen, die ich beobachten musste und keinen Lärm, der durch ihr Tun entstand und mich von meinem Sein abhalten konnte.




Dieser Ort gab mir auf den ersten Blick wenig: wenig Ablenkung, wenig, was ich unbedingt gesehen oder erlebt haben muss. Doch das wiederum schenkte mir unglaublich viel. Viel Zeit für mich. Viel Freiheit, das Leben in Einfachheit zu gestalten und zurück zu den Gedanken zu kommen, die wirklich wichtig sind – ohne mich ständig unterbrechen zu lassen.
Manchmal glaube ich, dass so, wie wir die Tage dort oben im Nirgendwo gelebt haben, frühere Generationen immer leben durften… bevor alles so unglaublich schnell, hektisch, voll wurde und unser Leben den Anspruch bekommen hat, besonders und erfolgreich sein zu müssen.


Eine Dachbox gefüllt mit Ruhe
Das einfache Leben mit Wenig: klingt wie das perfekte Bullerbü, oder? War es auch irgendwie. Aber Bullerbü ist nicht immer leicht. Besonders in den ersten Tagen machte mich die Ruhe richtig unruhig. Der Lärm in meinem Kopf war unerträglich. Das fühlte sich so an, als würden Möbel unablässig hin- und hergeschoben sowie Löcher für neue Lampen in die Decke gebohrt. Gedanken, die ich lange Zeit unter dem Bett versteckt hatte, kamen ans Licht. Erinnerungen, die ich im Schrank versteckt hatte, fielen mir vor die Füße. Ätzend! Wer im letzten Eck Schweden hockt, muss gut mit sich selbst auskommen können.
Auf Reisen nimmt man immer sich selbst mit, sagt man so. Aber nirgendwo sonst wurde mir die Dimension von „mit sich selbst unterwegs sein“ so klar, wie in der Einsamkeit Schwedens.
So anstrengend es am Anfang ist, sich auf die Ruhe einzulassen, am Ende war es jeden Kilometer der Anfahrt wert. Denn es kam der Moment, da kehrte die äußere Ruhe auch in meinem Inneren ein. Und das war himmlischer Genuss pur! Ich stelle mir vor, dass es so im Himmel sein wird. Nur noch besser. Noch tausendmal besser.
Besser kann ich es nicht beschreiben. Diese Erfahrung gehört wohl zu den Dingen im Leben, die man selbst erlebt haben muss.




Es gibt dieses Sprichwort: In der Ruhe liegt die Kraft. Auf unserer Elternzeitreise 3.0 durfte ich ein Stückchen der Wahrheit in dieser Aussage erleben.
Ich bin mit einer Energie zurückgekommen, die ich lange nicht mehr an mir wahrgenommen habe. Diese Energie möchte ich nicht in Neues investieren, in neue Projekte und neue Eindrücke. Sondern ich will sie dafür aufbringen, mir die schwedische Einsamkeit und Einfachheit in meinen deutschen, vollen und schnellen Alltag zu bringen. Auch ohne See. Mal schauen, wie und ob es mir gelingt. Falls nicht: Plan B wäre auswandern😉.
Ich stelle mir gerade vor, dass all die deutschen VW-Bus und Kastenwagen-Fahrer, die in diesem Sommer durch Schweden getourt sind und vergeblich nach der Sonne gesucht haben, dafür die Stille fanden. Wie schön wäre es, wenn jeder ein Stückchen Ruhe mit nach Deutschland gebracht hätte. Ich habe auf jeden Fall eine Dachbox gefüllt davon mitgenommen.
Die ist nur noch nicht ausgepackt.
Aber davon lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen.
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