Vom Zauber des Gewohnten


„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, schrieb Hesse in seinem berühmten Gedicht Stufen. Den Zauber des Anfangs spüre ich im schwedischen Frühling besonders intensiv. Dabei ist es kein Neuanfang, sondern ein Wiederanfang. Ein Wiedersehen nach langer Abwesenheit, nach Monaten voller Dunkelheit und Kaminstaub.
Im Mai hole ich das Häuschen aus dem Winterschlaf, verräume die zurückgelassene Weihnachtsdeko und entwirre die Lichterketten aus den Bäumen. Und dann fange ich an, all die ersten Male zu zelebrieren. Es sind keine allerersten Male, sondern wiederkehrende. Solche, die sich mit jedem Jahr vertrauter anfühlen und gerade deshalb ihren Zauber nicht verlieren.




All die ersten Male
Die Sonne küsst Südschweden in diesem Frühjahr mit besonders großer Leidenschaft, hemmungslose Knutscherei würde ich es nennen. Gut für mich, denn ich kann endlich wieder die zweiflügeligen Fenster weit aufreißen. Was zuvor das Flackern des Kaminofens an Lichtspielen im Haus gezaubert hat, übernimmt nun wieder die Sonne. Und zwar in einer so prächtigen Intensität, dass ich mich auf meinem schnellen Weg zwischen Terrasse und Küche immer wieder dazu zwingen muss, stehen zu bleiben und dem Lichttanz im Wohn- und Esszimmer zuzusehen.




Ich laufe das erste Mal wieder barfuß über die knacksenden Holzdielen. Dielen, die ich mit all ihren Macken und Flecken mittlerweile besser kenne als den Inhalt meiner Küchenschublade. Dielen, die ich in unzähligen Stunden abgeschliffen, ausgebessert und gestrichen habe. Dielen, aus deren Spalten ich schon viel zu oft Bügelperlen herauspulen musste.






Ich höre zum ersten Mal wieder die Vogelbabys in den Nistkästen nach ihren Eltern rufen und lausche dem durchdringenden Vogelkonzert des Waldes, wohl wissend, dass dies der Soundtrack meines Sommers sein wird. Ich sitze das erste Mal wieder um 23 Uhr mit dem SUP auf dem See. Einfach nur, weil es möglich ist. Weil die Sonne nicht untergehen will und ich sie genau dafür liebe. Und sie am liebsten zurückknutschen würde.




Ich rieche zum ersten Mal wieder den frisch gemähten Rasen auf der Waldlichtung, auf der ich inzwischen weiß, welche Ecken mich in diesen Anfangstagen sehr viele meiner Unkraut-Nerven kosten werden. Ich laufe das erste Mal wieder ohne Stirnband, Taschenlampe und Wildschweinangst abends zu meinem Lieblingsort, dort wo ich seit drei Jahren für denselben Durchbruch bete. Ob ich in drei Jahren noch immer mit dem selben Anliegen hier sitzen werde?




Ich parke das Auto ein erstes Mal wieder neben der Marine, komme auf meiner Laufrunde an den Militärgebäuden im Wald vorbei, spreche mit der Nachbarschaft über die Düsenjets und die zurückliegende Reservistenübung. Ich kenne die Risse in der Schönheit dieses Landes. Beim Wiederanfangen sehe ich sie in aller Deutlichkeit. Auch das bedeutet Wiederkommen.


Anfänge im Gewohnten
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, meinte der gute alte Hesse. Weiter schrieb er: „Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Ein Anfang muss kein völlig neuer sein, um mich lebendig fühlen zu lassen. Er ist sogar oft intensiver, wenn er sich vertraut anfühlt. Wie der Beginn einer neuen Jahreszeit, die wiederkehrende Geburtstagsmagie oder die erste Seite eines Buches, das man vor Jahren schon einmal gelesen hat und es voller Vorfreude wieder zur Hand nimmt. Oder eben jeder neue Tag: der Anfang von 24 Stunden, die darauf warten, wahrgenommen und erlebt zu werden.




Ich dachte lange, ich liebe Neuanfänge. Aber ich mag die Anfänge ohne Neuheit viel mehr. Solche, die einen Hauch von Erfahrung und Erwartbarkeit mitbringen. Und trotzdem den Zauber des Staunens bewahren. Ich lese Hesse seit dem Schwedenhauspendeln anders als früher. Der Zauber eines Anfangs liegt für mich nicht länger nur im Aufbruch ins Unbekannte. Weil etwas ebenso Magisches passiert, wenn ich Vertrautes wieder neu ansehe und darin Schattierungen entdecke.


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