Erinnerungen aus Jerusalem: Der Sabbat aka die Sonntagsruhe

In den vergangenen Monaten hat sich in meinem Leben eine 7-Tage-Woche eingestellt, bei der jeder Tag dem anderen gleicht. Ich habe den Sabbat-Vibe (oder anders ausgedrückt: die Ruhe des Sonntags) verloren. Mehr denn je vermisse ich es, einen Tag zu haben, der ganz anders ist als die anderen.
Hier erzähl ich Dir, warum die Sonntagsruhe so kostbar für mich ist.


Jerusalem. Sommer 2017: Schalter, die nicht gedrückt werden

Die Straßen in dem jüdisch orthodoxen Wohnviertel in Jerusalem sind leer. Die Straßenbahn hat ihre Fahrten eingestellt, die Ampeln sowie Aufzüge sind ausgestellt und die Autos stehen in den Parklücken neben der Straße: Sabbatstimmung liegt in der Luft. Es ist Freitag am frühen Abend, die Sonne ist bereits untergegangen und meine jüdischen Nachbarn versammeln sich gerade in der Synagoge, um den Beginn des Sabbats einzuläuten. Gleich wird es wieder voller auf den Straßen sein, wenn sie den Heimweg antreten, wo ein festliches Sabbatessen auf sie wartet. 

Auf mich hingegen wartet heute nur die Spätschicht. Diese übernehme ich häufig am Sabbat, während meine jüdischen Kollegen den Tag mit ihren Familien verbringen. Es ist der Tag, an dem alle an einen Tisch zusammenkommen, Kerzen angezündet werden, das Wort Gottes gelehrt und alle Aufgaben sowie Arbeiten liegen gelassen werden. Woche für Woche beobachte ich diese Ruhe, die am Freitagnachmittag beginnt und bis Samstagnachmittag anhält. 

Kurz bevor ich meine Arbeit erreiche, spricht mich ein Mann aus der Nachbarschaft an. Das ist mir bis dato noch nie passiert, entsprechend verdutzt starre ich ihn an. Die darauffolgende Konversation muss für Passanten ziemlich witzig ausgesehen haben: Mein Hebräisch ist ziemlich gebrochen und sein Englisch besteht auch nur aus wenigen Vokabeln. Irgendetwas mit Sabbat, Küche und mitkommen, so viel verstehe ich. Also geh ich mit ihm. Wenig später finde ich mich auf einer Leiter am Sicherungskasten in seiner Wohnung wieder:

Die Sicherung war rausgeflogen und ich sollte den Schalter wieder umlegen.

Nichts leichter als das. Für ihn hingegen bedeutet diese Hilfe sehr viel. Als streng religiöser Jude orientiert er sich an den Sabbat-Regeln. Dazu gehört es unter anderem am Sabbat nur eine gewisse Anzahl an Schritten zurückzulegen und eben auch keine Schalter zu betätigen. Für den Backofen und das Licht hat er deshalb Zeitschaltuhren laufen, clever. Nachdem die Sicherung also wieder drin war, bedankt er sich mit einer Portion Flips. 

Mir ging diese Situation noch lange nach, ich fühlte mich wie Superwoman, als hätte ich gerade den Nahostkonflikt geklärt oder sonst etwas. Aber eigentlich hatte ich nur einen Knopf gedrückt.

Nicht weiterkommen, sondern ankommen

Meine jüdischen Nachbarn von damals und ihre Art, den Sabbat zu zelebrieren, sind mir bis heute in manchen Punkten (nicht in allen!) ein Vorbild sind. Ich bin kein Fan von Gesetzmäßigkeit und möchte keine Feiertagsregeln aufstellen.

Aber ich finde es faszinierend, wie sie es geschafft haben, Woche für Woche wirklich alles zu unterbrechen, um in 24 Stunden Ruhe, Erholung und Genuss einzutauchen

Ich möchte auch so einen Tag in der Woche, an dem nichts so ist, wie im Alltag. An dem es nicht um Optimierung, Veränderung, Funktionieren oder Weiterkommen geht. An dem es nicht darum geht, etwas in Bewegung zu setzen. An dem ich wahrnehmen darf, dass es gut ist, so wie es gerade ist. Punkt. 

Sonntagsruhe im Mama-Alltag

In früheren Lebensphase ist mir die Sonntagsruhe leichter gelungen. Während der Unizeit zum Beispiel habe ich einmal die Woche die Lernsachen weggepackt und den Tag lieber in der Kirche und Gemeinschaft mit Freunden verbracht – oh, ich hab`s geliebt. Heute hingegen stecke ich in diesem Mama-Ding drin, indem es keine „freien“ Tage und irgendwie auch keinen großen Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende gibt. Das erschwert mir die Umsetzung, einen Tag in der Woche zu ruhen. 

Die Schalter-Geschichte, die ich Dir am Anfang erzählt habe, hat mich darauf gebracht, mit was ich trotzdem auch in dieser Season anfangen kann: Nämlich damit, ein paar Schalter nicht zu drücken.

Damit meine ich solche Schalter, die mit Arbeit verbunden sind, sobald ich sie gedrückt habe; die mich dazu antreiben, weiterzukommen statt anzukommen; die Unruhe in mir auslösen, statt mich in die Ruhe zu führen.

Dazu gehören ein paar Knöpfe am Smartphone, genauso wie die der Waschmaschine. Noch wichtiger aber sind ein paar Gedanken-Schalter im Kopf, die mich aus der Ruhe bringen. 

Ich möchte von der Sonntagsruhe keinen Outcome erwarten, keine erhöhte Produktivität für die restlichen sechs Tage oder dem Ziel, danach noch „mehr“ hinzubekomme. Ich möchte einfach mehr Schabbes-Vibes an meinem Sonntag. 

❔Und zelebrierst Du den Sonntag? Wenn ja, wie? Immer her mit Deinen Erfahrungen und Tipps!

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