Schwedenhaus-Renovierung Teil 4: Das Loch zwischen Workation und Alleinsein

Wenn die Sonne langsam hinter den hohen Fichten verschwindet und sich die Lichtung immer mehr mit Schatten füllt, wird mir schnell unheimlich. Zumindest dann, wenn ich die einzige Erwachsene auf der Lichtung bin. Heute schreibe ich über meine Angst, allein im Schwedenhaus zu sein. Und ich erzähle von unserer Workation: davon, was passiert, wenn sich eine Medizinerin, eine Lehrerin, eine Theologin, eine Redakteurin, ein Anwalt, ein Politiker, ein Schüler und ein Schreiner im schwedischen Wald treffen. Enjoy!

Es ist Abend auf der Waldlichtung. Am späten Nachmittag haben sich dicke Wolken über dem Schwedenhaus gesammelt, sind ziemlich schnell ziemlich dunkel geworden und haben schließlich erst Regen, dann Hagel und dann Donner über die Lichtung gebracht. Das Timing war perfekt, um meine Söhne Richtung Bett zu manövrieren und für mich einen frühen Feierabend einzuläuten. So liegen wir eingekuschelt unter der Dachschräge und lauschen dem Regen, der als Einziger von der Schlechtwetterfront geblieben ist.

Ich lese ein paar Seiten aus „Karlsson vom Dach“ vor und bemerke, als ich das Buch zuklappe, dass es draußen still geworden ist. Das Wetter hier in Küstennähe ist häufig unbeständig und wechselt schnell. Wolken kommen und gehen. Es regnet sich selten lange ein. Ich mag’s.

Ein Knacksen im Eingangsbereich

Kind 1 schläft bereits. Kind 2 kämpft noch eine Weile gemeinsam mit mir gegen die Stille an, die irgendwie plötzlich viel zu laut ist. „Es ist so ruhig“, meint mein Sohn. „Ja“, sage ich. „Ist doch gut, dass der Donner endlich weg ist.“ Dabei konzentriere ich mich darauf, stark zu klingen und meine Stimme festzuhalten, denn eigentlich möchte sie zittern. Auch mir ist es viel zu ruhig.

Das war nur ein Reh, denke ich bei dem Rascheln, das durch den geöffneten Fensterspalt aus dem Wald nach innen dringt. Dann ein Knacksen im Eingangsbereich. Wärme-Kälte-Unterschied, sage ich mir. Das alte Haus arbeitet. Wobei: Mist. Ich habe die Türen offengelassen. Mein Herz pocht wild. Dann ist es wieder still. War da ein Mofageräusch? Wieder nichts.

Verdammt. Wenn es so still ist, kann man sich wirklich alles einbilden. Ich versuche, langsam und ruhig zu atmen. Dann ein Hubschrauber. „Mama, warum fliegt jemand so spät noch Hubschrauber?“ „Du weißt doch, die Militärhubschrauber. Die arbeiten noch. Du darfst jetzt schlafen!“ Der Wasserhahn tropft. Ich werde langsam kirre.

Workation

Als ich endlich die tiefen Atemzüge meines Sohnes höre, stehle ich mich aus dem großen Bett und schleiche runter ins Erdgeschoss. Zuallererst schließe ich die Vorder- und Hintertür ab. Ich mag es nicht, dass ich das tun muss. Dass das wichtig für mein Sicherheitsgefühl ist. Ich mag es noch weniger, dass ich dieses Unbehagen immer wieder abends entwickle. Tagsüber allein auf der Waldlichtung zu sein, ist kein Problem für mich. Zumindest nicht mehr. Das habe ich die letzten drei Jahre hart trainiert. Aber wenn die Sonne langsam hinter den hohen Fichten verschwindet und sich die Lichtung immer mehr mit Schatten füllt, füllt sich auch mein Kopf automatisch mit Kopfkino. Tendenziell eher gruseligem Kopfkino. Fragt nicht!

Nachdem ich alles zugesperrt habe, setze ich mich ins Wohnzimmer, in die tiefe Ecke des Ecksofas. Dort, wo ich zu dieser Jahreszeit am liebsten sitze: wenn es zu kalt wird, um draußen zu sitzen, und mir noch zu warm für den Saunaofen ist. Ich denke an den Anfang des Monats, als es hier um diese Uhrzeit noch hell und laut war – durch die Sonne und unsere Workation-Week-Gäste. Wobei Gäste meine Söhne sagen, vermutlich aber das falsche Wort ist. Ich würde eher von Mitbewohnern und Mitbewohnerinnen sprechen. Von Menschen, die uns eine Woche lang richtig fett geholfen haben, diesen wunderschönen Ort noch ein Stückchen schöner zu machen.

Ich denke an Arbeitstage mit Pinsel, Flex und Akkuschrauber, an das endlose Warten auf die freie Dusche, an Hitster, an warme Seenachmittage und ein aufblasbares Einhorn. Ich liebe es, dass es diese Waldlichtung schafft, die unterschiedlichsten Menschen an einen roten Holztisch zu bringen. In diesem Jahr waren wir eine angehende Medizinerin, Lehrerin und Theologin, ein Anwalt, ein Politiker, eine Redakteurin, ein Schüler und ein Schreiner. Im Grunde genommen waren wir die perfekte Basis für eine Kommune. Absolut überlebensfähig!

Und ich denke daran, wie sehr ich diesen großen Genuss von Gemeinschaft mit den unterschiedlichsten und warmherzigsten Menschen liebe – obwohl ich ja gleichzeitig auch genau das Gegenteil brauche: die Zurückgezogenheit, die Ruhe und die Isolation an diesem Ort. Also Abende wie diese, an denen ich mich allein in der tiefe Ecke des Ecksofas verdrücke.

Freizeitloch

Je länger ich gedanklich zwei Wochen zurückspule, desto mehr spüre ich ein kleines Loch, das sich irgendwo zwischen Herz und Magen bemerkbar macht. Das Loch, das sich bei mir immer auftut, wenn sich ein Zusammensein nach Lagerfeuer, Wein, einer Gebets- und Arbeitsgemeinschaft wieder auflöst. Wenn jede und jeder seinen Lebensweg ohne dieses Miteinander weitergeht. Die Einmaligkeit einer Gemeinschaft ist immer auch ein bisschen traurig. Weil es ein Ende gibt.

Wenn ich so zurückdenke, fand ich dieses Loch zwischen Herz und Magen schon immer fordernd. Kennt noch jemand außer mir das Freizeitloch? Die Leere nach einem viel zu guten Sommerzeltlager, das einen als Kind oder Teenager überwältigt hat? Puh, war das heftig.

Ich kenne das Loch aber auch aus meinen früheren Ferienjobs. Als ich in einem Hotel auf einer deutschen Nordseeinsel, einem Gästehaus in Jerusalem und später einem Freizeithaus in Schweden gearbeitet habe, gehörte es zu meinem Arbeitsalltag, Gäste zu begrüßen, sie ein Stück weit zu begleiten und dann weiterziehen zu lassen – während ich mit einem Haufen Bettwäsche zurückblieb. Es war ein ständiges Abschiednehmen. Ich war nicht immer traurig, wenn Gäste abreisten. Aber wenn sie dann weg waren und die Ruhe Platz bekam, war ich auch nie einfach nur erleichtert. Ein leeres Hotelzimmer oder ein ruhiger Speisesaal fühlte sich immer erst einmal seltsam an. Vermutlich, weil der Kontrast viel zu groß war. Zwischen Geräuschen und Stille.
Wie Tag und Nacht auf der Waldlichtung. Und wie das Loch zwischen Workation und Alleinsein.

Das Loch darf bleiben

So sitze ich also an jenem Abend da, in der Ecke des Ecksofas, und beobachte das Flackern des Bewegungsmelders vor der Tür. Ich bin nicht besonders gut darin, dieses Nach-Gemeinschafts-Loch auszuhalten und mich nicht direkt mit neuer Gesellschaft, Anrufen und Social Media abzulenken. Am liebsten würde ich das Loch wenigstens mit Dill-Chips stopfen. Wäre das Schwedenhaus an diesem Abend nicht so verdammt dunkel gewesen und ich die einzige Erwachsene im Haus, hätte ich mir wahrscheinlich längst etwas Fettiges aus dem Küchenschrank geangelt. Safe!

Stattdessen bleibe ich noch eine Weile sitzen und starre in die dunkle Waldnacht hinaus. Das Loch zwischen Magen und Herz darf erst einmal bleiben, beschließe ich. Es bleibt ohnehin nicht für immer. Das konnte ich damals als Kind mit meinen fiesen Freizeitloch-Tränen nach dem Sommerzeltlager noch nicht glauben. Heute weiß ich, dass es stimmt.

Als ich wenig später zu meinen Kindern ins Bett unter der Dachschräge schlüpfe, hat sich zum Loch ein bisschen Vorfreude gesellt. Vorfreude auf den nächsten Sommer, aber auch auf den bevorstehenden Herbst. Auf die Rückkehr nach Deutschland, auf Erntedank, auf den Kindergarten nach fünf Wochen ohne (OHH YESSS!). Vor allem aber freue ich mich auf den nächsten Morgen. Auf die Sonne, die die Waldlichtung wieder ihrer unheimlichen Seite berauben wird. Auf Licht. Auf einen neuen Tag. Und so schlafe ich wie so oft mit einem Gebet auf den Lippen ein:
„Danke, Jesus, für Bewahrung. Dass auch heute wieder kein (Wild-)Schwein vor der Tür stand. Amen.“

PS. Es gab auch letztes Jahr schon eine Workation, in der sich die Waldlichtung mit Helfern gefüllt hat. Wenn du gerade das Gefühl hast unser Miteinander geht verloren, zieh dir das rein: Schwedenhaus-Renovierung Teil 2: Fassade streichen Es tut so gut, einander zu brauchen!

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