Mein bittersüßes Jahr 2022

In den letzten Monaten habe ich sehr oft „das ist mir alles zu viel“ gesagt. Zu viel Veränderung. Zu viele Herausforderungen. Zu viele Projekte. Einfach zu viel. 2022 war ne Nummer, sag ich Dir. Hier erwartet Dich ein Mini-Jahresrückblick von meinem bittersüßem Jahr, den ich gerade als Selbsttherapie aus dem Zimmer mit der Nummer 9 der Kinderklinik schreibe.
Danke, dass Du mich trotz der langen, ungeplanten Schreibpause noch immer auf meiner Gedankenreise begleitest.


Eine Erkältung zum falschen Zeitpunkt: Das kennt jeder. Hatte ich auch schon oft. Doch im Januar 2022 war ich besonders genervt vom unpassenden Viren-Timing. Vor mir lag der Umzug von Nürnberg aufs schwäbische Land. Die Umzugskisten waren gepackt und ich wollte mich eigentlich noch gebührend von dem wunderschönen Lebensabschnitt in meiner fränkischen Lieblingsstadt verabschieden. Eigentlich. Wären da nicht die Viren gewesen. So blieb mir nichts anderes übrig, als ohne Abschied vom Alten in das Neue zu starten: Leben auf dem Dorf. 

Hätte ich damals gewusst, dass dies nur ein kleiner Vorgeschmack auf das sein würde, was mich in dem Jahr noch erwartet; dass sich geplatzte Pläne wie ein Grundrauschen durch die kommenden Monate ziehen würden: Ich wäre still und heimlich ins Jahr Einundzwanzig umgekehrt 😉.

Das Baby im Bauch mit dem Namen Cevapcici

Die Monate Februar und März standen ganz im Zeichen des Umzugs und des Einlebens am neuen Ort. Anderes Bundesland, andere Gewohnheiten, andere Infrastruktur. Eine ewig lange Suche nach Ärzten, die neue Patienten aufnahmen und nach Angeboten für mich sowie Klein P, die trotz Corona stattfanden. Im selben Monat wurde Klein P ein Jahr alt und ich hielt zeitgleich erneut einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand🎉. Das Leben ist schön!

& zack, mit Tempo auf der Überholspur ging es genauso weiter in meinem Leben: Den April und Mai verbrachten wir mit unserem Van Knut auf der Balkanroute. Die Schwangerschaft kickte leider ordentlich rein und ich war zu geschwächt von dem katastrophalen Start der Reise (Spoiler: es waren Viren, die uns in eine griechische Notaufnahme brachten). Trotzdem war es eine wunderschöne Reise mit so vielen einzigartigen Momenten, die wir als Familie sammeln durften. Irgendwann unterwegs auf den Straßen Südosteuropa vergab ich für das Geheimnis in meinem Bauch ein Codewort: Cevapcici (entsprechend dem kulinarischen Grundtenor dort unten).

Zurück auf dem Dorf begrüßte uns der Senior-Nachbar mit einem „Wir hatten uns schon Sorgen gemacht“. Das fand ich süß und ich begriff, dass es hier anders zu geht als in der Großstadt, in der uns nach langen Reisen niemand in der näheren Umgebung vermisste oder erwartete. 

Der letzte Roadtrip mit Knut

In den Monat Juni und Juli ließen die Schwangerschaftsbeschwerden nach und ich begann, meine Kugelzeit so richtig zu genießen. Die meiste Zeit verbrachte ich in unserem Garten, beschwerte mich wie jeder andere Deutsche auch über die Hitze und hatte endlich wieder Energie für freiberufliche Arbeiten. Zwischendurch schoben mir mal wieder die Viren einen Riegel in die Tür – klar, irgendwann erwischt Corona jeden. Uff, Corona war echt eine Ansage für mich mit einem Kleinkind auf dem Schoß und einem Cevapcici im Bauch. 

Im August und September ging es dann für uns erneut mit dem Van Knut nach Schweden. Ach, wie sehr ich dieses Land liebe. Und wie sehr ich es nach unserer Elternzeitreise im letzten Jahr vermisst hatte. Fisch, rote Häuser, Seen, Second Hand, Fika: love it! Das tat so gut. Doch ähnlich wie in Griechenland im April landeten wir auch hier wieder erstmal in der Notaufnahme. 40 Grad Fieber. Klasse. Aus diesem Grund ersetzten wir den Van zeitweise durch eine Ferienwohnung und verliebten uns so sehr auch in diese Art von Urlaub, dass wir die letzten Tage des Trips mit Hausbesichtigungen beschäftigt waren. Mit dem Traum vom Schwedenhaus im Gepäck fuhren wir schließlich wieder zurück. Es war die letzte Reise zu dritt im Knut. Und unsere letzte Reise mit Knut.

Mein Bauch war mittlerweile überdimensional groß geworden (aka die Diskokugel) und meine Vorfreude auf einen weiteren Mann in meiner Gang stieg. 

Oktober, baby 

Dann war schon Oktober. Während ich die emotionalen Aufs und Abs einer Kita-Eingewöhnung durchlebte, versuchte ich nicht zu vergessen, dass das nun der letzte Monat vor der Entbindung war. Anfang November sollte es soweit sein. Ich glaubte eher an Mitte November. Oder hoffte es. Weil ich noch nicht bereit war, die Schwangerschaft loszulassen. Ich weiß, dass viele Frauen an diesem Punkt im Leben, an dem sie die Schuhe vor lauter Bauch nicht sehen können, dem Ende der Schwangerschaft entgegenfiebern. Bei mir war es nicht so. Ich liebte diese letzten Wochen und hätte gern für immer auf Pause gedrückt.

Ich gönnte mir noch einen letzten Urlaub allein mit der Freundin und machte letzte Radtouren mit Klein P. Ach, es hätte gern noch eine Weile so weitergehen dürfen. Doch noch während ich dabei war, mir die perfekten Pläne für die letzten Wochen zurechtzulegen, platzte sie. Mit „sie“ meine ich die Fruchtblase.

Dass es wirklich die Fruchtblase war, konnte ich erst glauben, als es mir der Arzt in der Klinik mit einem „Herzlichen Glückwunsch. Bei ihnen läufts.“ bestätigte.

Mit diesen Worten begann also der zweite Geburts-Marathon meines Lebens. Einen Tag später hielt ich Mini O im Arm. Mein kleiner, wunderschöner Cevapcici war da. Und zur Krönung, weil das Leben manchmal witzig ist, gab es genau an diesem Tag im Krankenhaus Cevapcici zum Mittagessen. Meine Gefühle für den restlichen Tage im Oktober? Dankbarkeit und Glückseligkeit Next Level. 

Zu viele Pommes und zu viele RS-Viren

Es wurde November und Dezember. Nach der Geburt fühlte ich mich sehr schnell wieder fit und hochmotiviert für mein neues Leben als Zweifachmama. Ich hatte mir zuvor ausreichend Gedanken gemacht, wie ich die Zweiunterzwei-Challenge meistern würde. Doch dann kamen – na, errätst du es?! – natürlich wieder Viren. Wochenlang waren wir alle krank. Krank im Wochenbett ist scheiß. Zwischendurch hatte meine Galle keine Lust mehr auf meine Chips- sowie Pommesvorliebe und brachte mich zu den Internisten ins Krankenhaus. Ungünstiger Zeitpunkt für mich und Mini O, der gerade einmal drei Wochen auf der Welt war und trotzdem zuhause bleiben musste. Aber für sowas gibt es wohl nie einen günstigen Zeitpunkt.

Als ich gerade dachte, wie hätten jetzt genug Drama dieses Jahr erlebt, bekam Mini O erneut Viren ab. So kommt es, dass ich gerade beim Schreiben aus einem Zimmerfenster der Kinderstation blicke. Aus diesem Fenster schaue ich bereits seit sieben Tagen.

Es reden ja momentan alle von der Youtube-Serie 7 vs. wild. Aber weißt Du was ich wirklich wild finde? Seven days isoliert in einem Krankenhauszimmer, aus dem man nicht raus darf, mit einem sieben Wochen altem Säugling, der an vier verschiedenen Kabeln hängt und mit Sauerstoff sowie durch eine Magensonde versorgt wird – das ist „wilder“ als jede einsame Insel in Panama, glaub mir. 

Fokus, Freunde. Fokus.

Ich hatte in Zwanzigzweiundzwanzig mehr Tage, an denen ich mich geschwächt und ausgebremst gefühlt habe, anstatt lebendig und gesund. Ich bin erschöpft. Erschöpft von den vielen Ereignissen, von den Viren, den Sorgen, den körperlichen Veränderungen, der fehlenden Erholung, der Stopp-Taste, die ich nicht finden kann. Trotzdem blicke ich nicht verbittert auf dieses ereignisreiche Jahr zurück. Trotzdem spüre ich ebenso Freude und Zufriedenheit über die letzten zwölf Monate. 

Warum? Weil ich Freude und Zufriedenheit nicht davon abhängig mache, ob alles perfekt läuft. Zufriedenheit entsteht durch Fokus. Fokus auf das, wofür ich dankbar sein darf.

Klar ist es bitter, dass ich hier mit meinem Sohn sein muss. Doch es gibt auch etwas Süßes in all dem Bitteren, wenn ich die Augen aufmache und nicht in Selbstmitleid versinke (was ich auch oft genug tue). Ich versuche mich zum Beispiel auf den wunderschönen Schnee dort draußen zu fokussieren und nicht auf das Fenster, das mich von ihm trennt. Und ich erinnere mich daran, dass ich nur wenige Stockwerke unter diesem Zimmer Mini O vor sieben Wochen zur Welt bringen durfte – und wow, das war definitiv eines der besondersten Erlebnisse meines Lebens. Außerdem fand ich die Lachslasagne heute Mittag auch wirklich nicht von schlechten Eltern. Und wenn ich Glück habe, gibt es die kommenden Tage vielleicht sogar nochmal Cevapcici.

Wenn ich dieses Jahr in einem Wort zusammenfassen müsste, würde ich das Wort bittersüß wählen. Bittersüß, wie eine gut gereifte Pomelo. Es gab beides: Das Süße und das Bittere. Und wenn ich so länger darüber nachdenke, ist es doch immer so. Das Leben ist niemals nur süß und niemals nur bitter. Es gibt immer beide Seiten. 

Machen wir uns also nichts vor: 2023 wird auch wieder bittersüße Elemente haben und dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden – denn ich lasse mich auch weiterhin nicht davon abhalten, weiterzugehen und mich am Süßen zu erfreuen.

🚌 PS. Warum die letzte Reise mit unserem geliebten Knut schon hinter uns liegt? Es gibt leider leider leider nur für drei Passagiere einen Autositz und da wir mittlerweile zu viert sind, werden wir uns bald von ihm verabschieden. Gedanken für einen Nachfolger laufen auf Hochtouren – aber da werde ich dieses Jahr definitiv nichts mehr entscheiden 😉.

Ein Kommentar zu „Mein bittersüßes Jahr 2022

  1. Den ersten Satz kenne ich irgendwoher 😉 Wär das Thema Viren mal gebacken – am besten sehr heiß, damit es nicht wiederkommt – wäre das Leben als Familie so viel leichter. Ganz gleich ob auf Riesen oder Zuhause.

    Bittersüß ist ein guter Begriff. Bosse würde singen: „Das Leben ist bitter und süß wie Feigen“ (hier habe ich vor kurzem über den Song geschrieben). Und ja, der Versuch das Süße mehr in den Fokus zu rücken ist wahrhaftig ein tägliches ToDo.

    Viel Energie dafür und für die Herausforderungen auf der bitteren Seite!
    Markus

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